Psychologie des wartens
Denn meistens warten wir nicht allein, sondern zusammen mit anderen. Es gibt: Wartegemeinschaften wie das Paar, das sich auf die Geburt seines Kindes freut, wie die Anhänger eines Weltuntergangspredigers oder wie Freunde, die gemeinsame Lottotipps abgeben. Arztpraxis, Bushaltestelle, Bahnsteig. Wir fühlen uns an solchen Orten besonders beobachtet und deswegen auch meist recht unwohl, und es gibt in solchen Situationen des gemeinsamen Wartens unausgesprochene Regeln, die aber dennoch sehr wirksam sind.
Das Kommunikationsverhalten in diesen Situationen hängt allerdings auch vom sozialen Status ab, hat Andreas Göttlich beobachtet. Menschen aus unterprivilegierten Schichten sprechen eher mit anderen Wartenden, sie haben das Gefühl, "im selben Boot zu sitzen" und tauschen sich über die gemeinsamen, oft negativen Erfahrungen aus. Und wer solche Warteprozesse beeinflussen kann in der Gesellschaft, der besitzt offensichtlich sehr bedeutende soziale Macht.
Wir kennen das von Ämtern, Behörden, wenn gesellschaftlich unterprivilegierten Gruppen ihre Ohnmacht vorgeführt wird, indem man sie bewusst warten lässt", so Göttlich. Sprachhistorisch hatte warten mit dienen zu tun. Der englische Begriff für Kellner zeigt das noch: Waiter. Lange gehörte es auch zum gesellschaftlichen Rollenbild von Frauen, als Manifestation ihrer untergeordneten Stellung: Wie Kinder durften sie in der ach so "feinen" Gesellschaft nur sprechen, wenn sie dazu aufgefordert wurden.
Und sie mussten darauf warten, als Ehefrau ausgewählt zu werden.
Psychologie: Kann man warten, ohne zu wissen, worauf? | ZEIT ONLINE
Als Symbol für soziale Ungleichheit gelten heute lange Schlangen Wartender. Dabei war das einmal genau anders gedacht. Soziales Prestige durch weniger Warten. Diese Ausgangsbedingung wird in der Moderne noch verschärft.
Worauf warten wir?
Im Beruf gilt es, mit dem gestiegenen Tempo der technologischen und kulturellen Erneuerung Schritt zu halten, um nicht abgehängt zu werden. Und in der Freizeit hat man so viele Gestaltungsmöglichkeiten, dass man stets das Gefühl hat, noch dieses oder jenes tun zu können. Wartezeit gilt da als vertane Zeit, die einen nicht voranbringt und keinen Erlebniswert hat.
Ist das so? Andere auf sich warten zu lassen kann der Manifestierung von Macht dienen. Man demonstriert die Höherwertigkeit der eigenen Zeit und damit des eigenen Status. Doch das geht nur so lange gut, wie das Gegenüber die unterstellte Höherwertigkeit anerkennt und sich daran hält. Wie jede Machtprobe trägt auch das Wartenlassen das Risiko des Scheiterns in sich.
In unserer an egalitären Standards orientierten Gesellschaft kommt demonstratives Wartenlassen im Alltag eher selten vor. Doch oft genug sind sich die Beteiligten über die Motive des Gegenübers nicht im Klaren: Lässt man mich gerade absichtlich warten? Hier kann es zu Fehldeutungen kommen, die den Austausch miteinander erschweren. In vielen Alltagssituationen wie an einer Bushaltestelle warten zwar alle auf dasselbe, aber ein Gruppengefühl entsteht dabei nicht.
Warum ist das so? Zum einen liegt es daran, dass viele Wartesituationen öffentlich sind. Zum anderen stehen Wartende manchmal in Konkurrenz zueinander. Ein Beispiel: Wer früher im Flugzeug ist, hat mehr Platz fürs Handgepäck. Und oft sind die Mitwartenden der Grund dafür, dass wir selbst warten. Denn alle, die in der Schlange vor mir stehen, verlängern meine eigene Wartezeit.
Das Konkurrenzverhältnis kann in eine Form des geteilten Leids umschlagen, wenn die vorweggenommene Wartedauer erheblich überschritten wird. Das gemeinsame Schicksal wird dann nicht selten zum Anlass für Konversation. Mit dieser Frage hat sich die Unternehmensforschung intensiv beschäftigt, weil Warteerfahrungen eng mit der Kundenzufriedenheit zusammenhängen und so mittelbar das Geschäftsergebnis beeinflussen.
Das hat zu einer Reihe einschlägiger Regeln geführt, wie Unternehmen das Warten ihrer Kunden gestalten sollten. Von zentraler Bedeutung sind dabei zwei Erkenntnisse. Wer am Telefon in eine Warteschleife gerät, bleibt selten länger als zwei Minuten darin, dann legt er auf. Was hilft? Das britische Telekommunikationsunternehmen Virgin Media hat folgende Methode entwickelt: Nach knapp zwei Minuten in der Warteschleife können Anrufer ihren Lieblingssong aus einer Liste wählen, die jeden Monat neu zusammengestellt wird, und ihn dann hören.
Kürzlich wählten Anrufer unter anderem zwischen Kylie Minogues Put Your Hands Up , Ellie Gouldings Lights und Eliza Doolittles Mr. Mehr als die Hälfte der Anrufer bleibt in der Leitung: Sie bekommen das Gefühl, ihr eigenes Unterhaltungsprogramm zusammenzustellen. Fast immer wird der Anrufer übrigens verbunden, während er den ersten Song hört.
Beim Disney-Konzern sind 75 Leute damit beschäftigt, in allen Disneyparks der Welt für die reibungslose Organisation der Warteschlangen zu sorgen, das nennt man »Queuing Management«. Diese Leute verwandeln Warten in Unterhaltung, das nennt man »Queuing Entertainment«. Und das Entertainment beginnt bereits am Ende der Schlange, weil es vom ersten Moment an was zu Schauen gibt.
Bei »Star Tours — Reise zu einer entfernten Galaxie« etwa fühlt man sich wie in einem interstellaren Flughafen: Auf Bildschirmen kann man die Planeten betrachten. Menschen, die wie Figuren aus den Star Wars -Filmen verkleidet sind, sagen zu den Wartenden, wie sehr sie sich auf die Reise mit ihnen freuen. Durchsagen folgen, was einen auf der Fahrt alles erwartet.
Dabei schiebt man sich Meter um Meter nach vorn. Dass man am Ende all der Warterei in nicht viel anderes als in eine gehobene Achterbahn steigt, und das für nur fünf Minuten — vergessen. Die moderne westliche Zeitvorstellung ist eng mit dem Kapitalismus verwoben. Zeit ist Geld — das wusste angeblich sogar schon Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der USA.
Tatsächlich unterscheidet sich das Konzept von Zeit in unterschiedlichen Kulturen frappant. Der US-amerikanische Anthropologe und Ethnologe Edward T. Hall trug entscheidend dazu bei, diese Unterschiede aufzudecken. Dazu beobachtete und befragte er Einheimische, analysierte Schriftstücke und Institutionen verschiedener Kulturen und verglich diese als einer der ersten seines Fachs im Hinblick auf deren Umgang mit Zeit.
Für die Deutschen vergeht die Zeit nach Halls Theorie linear: Sie ist begrenzt und kann somit auch "verschwendet" werden. Das Geschehen läuft Schritt für Schritt nacheinander ab, und produktive Phasen und Pausen werden streng voneinander getrennt. Die meist individualistisch geprägten Kulturen mit einem linearen Zeitkonzept legen demnach Wert auf Pünktlichkeit, mögen keine Unterbrechungen, planen ihren Alltag sehr genau und beschränken sich gerne auf eine Tätigkeit auf einmal.
Das ist möglicherweise mit ein Grund, warum uns erzwungene Pausen so sehr belasten: Sie drohen, diesen strengen Zeitplan durcheinanderzubringen. Was uns selbstverständlich erscheint, kommt Menschen aus traditionell-kollektivistischen Regionen Südamerikas, Asiens oder Afrikas wahrscheinlich allzu rigide vor. Menschen aus diesen Kulturkreisen versuchen laut Hall meist, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, unterscheiden dafür aber weniger zwischen Arbeit und Freizeit oder unproduktiven und produktiven Phasen.
Einige Anthropologen führen das darauf zurück, dass in deren Vorstellung die Zeit nicht unbedingt linear, sondern vielmehr zirkulär verginge. Wie die natürlichen Kreisläufe von Tag und Nacht oder Ebbe und Flut kehre sie verlässlich wieder: Auf jeden Abend folgt ein neuer Morgen. Wer ein solches Zeitkonzept habe, orientiere sich verstärkt an wiederkehrenden Routinen und sozialen Ereignissen wie Festen und Bräuchen.
Die in diesen Gegenden vorherrschenden Religionen beinhalten häufig eine zyklische Sicht auf das Leben, etwa "samsara", den endlosen Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt im Buddhismus und Hinduismus. Diese grobe Einteilung der Vielfalt an Kulturen ist allerdings umstritten.
Psychologie des Wartens in der Schlange / Warteschlangen
Viele Erkenntnisse über den kulturellen Umgang mit Zeit, die Hall und seine Kollegen mit heuristischen Methoden gewannen, konnten jedoch mittlerweile empirisch abgesichert werden. In einer vergleichenden Studie zwischen US-Amerikanern und Brasilianern zeigte der Sozialpsychologe Robert Levine von der California State University in Fresno, dass Brasilianer tatsächlich eher dazu neigen, zu Verabredungen zu spät zu kommen, umgekehrt aber auch verständnisvoller sind, wenn jemand sie warten lässt.
Zwar könnte die laxe Einstellung zur Pünktlichkeit auch auf die ungenaue Zeitmessung zurückzuführen sein, allerdings ist es plausibler, dass die Brasilianer ihre Uhren nicht genauer stellen, weil sie kulturell bedingt weniger Wert auf einen streng getakteten Tagesablauf legen, so die Autoren. Dass in manchen Nationen weniger Eile herrscht, illustrierte Levine in einer Landkarte der Zeit.
Ganz an der Spitze der Gehetzten: die Schweiz. Je florierender die Wirtschaft und individualistischer die Kultur, desto schneller der Alltag also. Wer der allgegenwärtigen Hektik entgegenwirken will, sollte beim nächsten Schlangestehen tief durchatmen und sich ablenken — vielleicht sogar mit einem Gespräch mit dem Hintermann.